Abitur – und jetzt? (Über den Mut zur Lücke)

Abitur – und jetzt? (Über den Mut zur Lücke)

„Entschuldigung, Sie haben da eine Lücke in Ihrem Lebenslauf.“

„Ich weiß, war echt geil!“


Was hattest du im Kopf, als du kurz vor deinem Abschluss an die Zeit nach dem Abitur gedacht hast?

Wolltest du die Welt bereisen? Als AuPair vielleicht oder im Freiwilligendienst? Wolltest du sofort an die Uni zum Studium? Erstmal eine Ausbildung machen, um was Sicheres in der Hand zu haben? Oder die Zeit der quälenden Ungewissheit mit einem FSJ oder BFD überbrücken, um zu schauen, „was sich dannach ergeben wird“?

Wenn du auch nur einen Moment gezögert hast, diese Entscheidung zu treffen, ist dir die drängende Stimme im Kopf sicher bekannt. Diese Stimme, die dir zuruft: „Los jetzt, entscheide dich! Sonst verschwendest du diese Zeit der grenzenlosen Möglichkeiten mit Rumgammeln. Dann denken deine Eltern noch, du hättest kein Interesse daran, überhaupt was zu machen.“


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Dabei fühlen sich die meisten gerade von dieser neuzeitigen Fülle an Möglichkeiten regelrecht erdrückt und kommen mit der gesteigerten Verantwortung nicht klar, die sie plötzlich über ihr Leben haben.

Jahrelang wurde dir (mehr oder weniger stark) vorgeschrieben, was und wie lange du zu lernen hast, wie dein Tagesablauf aussieht und welche Leute du triffst.

Über dein Lehrplan hat das Kultusministerium entschieden, die Fülle des Lernstoffs hat letztendlich deinen Tagesablauf getaktet und der Schulalltag hat dich täglich mit den gleichen Leuten konfrontiert.

Bis auf deine Freizeit, durch die Einführung des G8-Systems auf ein Minimum reduziert, wurdest du jahrelang fremdgesteuert. Kein Wunder also, dass du möglicherweise überfordert bist, wenn dir plötzlich niemand mehr sagt, was du tagtäglich nach dem Aufstehen machen sollst.

Und genau in dieser Situation vertraust du lieber erstmal auf die Gesellschaft, die durch deine Familie und deinen Freundeskreis auf dich einwirkt. Die eine Erwartungshaltung dir gegenüber einnimmt und dich sozialem Druck aussetzt. „Bloß keine Pause einlegen, sonst endet alles nur im Stillstand! Immer weiter laufen!“, sagst du dir – und bist damit nicht allein…


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Dieser Beschleunigungswahn ist durch die Jahre unter schulischem Leistungsdruck zu deinem Alltag geworden. Es ist normal, ständig irgendetwas zu machen, auch wenn es nicht wirklich deinen persönlichen Vorstellungen entspricht oder gar Spaß macht. Das war ja in der Schule nicht anders – warum also jetzt?

Wohin diese Denkweise führt, wird vielen leider erst nach 2 Semestern Studium „um der Eltern Willen“ oder nach dem sterbenslangweiligen FSJ mit ähnlich genervten Leuten deutlich. (Dass es Ausnahmen gibt, ist mir durchaus bewusst!) Es geht eben nicht darum, per se einen lückenlosen Lebenslauf hinzulegen, um dann nach 10 Semstern Studium und einem Master-Abschluss in der Tasche täglich ins Büro zu schlürfen.

Vielmehr ist eine Phase der Entschleunigung nach Jahren fließbandartiger Abfertigung durch das Schulsystem von essentiellem Wert, um sich selbst richtig kennenzulernen.

Sich mit seinen wahren Zielen zu identifizieren, seine Ideale und Werte zu kennen. Sich eine Vorstellung darüber zu kreieren, wo man seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen will.

Dafür ist es wichtig, selbstständig neue Wege zu gehen, um das engstirnige Weltbild nach der monoperspektivischen Schulausbildung auszuweiten. Denn wie kannst du deinen Weg in dieser unglaublich bunten, vielfältigen Welt sofort nach dem Abitur kennen, ohne sie wirklich gesehen und erlebt zu haben?


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  • Zieh zum Beispiel in eine eigene Wohnung oder WG – vielleicht sogar in einer fremden Stadt.
  • Gehe arbeiten, um das Gefühl zu erleben, eigenes Geld zu verdienen und neue Erfahrungen zu machen.
  • Nimm ein altes Hobby wieder auf – ein Instrument vielleicht oder eine bestimmte Sportart –, das du zugunsten besserer Noten für die Schule aufgegeben hast.
  • Probier neue Dinge aus, wann immer sich Gelegenheiten dazu ergeben.
  • Genieße einfach das Leben und lass dich eine zeitlang treiben. Beginne, zu meditieren oder nutze die freigewordene Zeit für Selbstreflexion und Arbeit an persönlichen Baustellen in deinem Leben.
  • Plan dir ein paar Monate ein, pack deinen Rucksack und stell dich an die nächste Raststätte. Wer weiß, vielleicht machst du Bekanntschaften, die dein Leben prägen. Dir zu neuen Sichtweisen verhelfen und sich zu tiefen Freundschaften entwickeln.

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Was auch immer du tust, deine Persönlichkeit wird sich dabei weiterentwickeln, wie nie zuvor in deiner Schullaufbahn.

Du wirst Charaktereigenschaften von dir kennenlernen, die zuvor unterdrückt wurden oder einfach verkümmert sind.

Deine Komfortzone kann sich auf bisher ungeahnte Ausmaße dehnen.

Und du kannst deinen Interessen endlich die Zeit und den Raum dazu geben, sich zu Leidenschaften zu entwickeln.

Wenn du das erreicht hast, ist die Basis für ein sinnerfülltes Leben geschaffen. Ein Leben, in dem deine Entscheidungen für zukünftige Bildungswege nicht auf Zwängen und den Erwartungen anderer basieren, sondern auf dem inneren Wunsch deiner Selbst.


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Wenn die Zeit nach deinem Schulabschluss also in greifbare Nähe rückt und du keine Idee hast, was du von jetzt an tun sollst, dann nimm dir die Zeit und hab den Mut zur Lücke!



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License: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

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