Huanchaco – Ankerwurf am Pazifikstrand

Huanchaco – Ankerwurf am Pazifikstrand

Weißt du noch, wie wir im letzten Artikel beiläufig diesen kleinen Strandort Huanchaco erwähnt haben? Nur ein paar Tage wollten wir dort bleiben.

Nun ja, Pläne ändern sich oft unerwartet. Das ist ja das schöne am Reisen – die Spontanität, diese Unvorhersehbarkeit.

Aus den paar Tagen wurden erstmal eine Woche, dann noch eine und am Ende waren wir einen knappen Monat hier. So schnell kann es gehen. Doch fangen wir in Trujillo an…


Nach den Wochen der Abgeschiedenheit auf der Farm waren wir erfreut, endlich wieder unter Menschen zu kommen. Trujillo war für uns sozusagen das Tor zur Zivilisation.

Fünf Nächte verbrachten wir in der drittgrößten Stadt Perus. Von den 800.000 Einwohnern haben wir dennoch nur einen kleinen Teil gesehen, denn das geschäftige Leben spielt sich hauptsächlich im kleinen Stadtkern rund um den plaza de armas ab.


Kirche in Trujillo
Kirche am plaza de armas


In der gemütlichen Herberge “casa de clara” am Rand des Stadtrings konnten wir uns wieder langsam an das Großstadtleben gewöhnen.

Clara, die betagte Inhaberin, war sehr offen und erstaunlich zuvorkommend. In ihrem verrosteten VW-Käfer aus den 50er-Jahren fuhr sie uns einmal sogar zum Einkaufen quer durch die Stadt. Was für ein Erlebnis, ohne Seitenspiegel und Hupe!


Auto
In ähnlichem Zustand war Claras Blechkiste…


Clara gewährte uns gegen Hilfe in ihrem Haushalt kostenlose Unterkunft. Beim Böden fegen und wischen und beim Betten machen konnten wir nicht nur die gute Frau, sondern auch unser Budget etwas entlasten.

Nach einigen Tagen war unsere Resozialisierung abgeschlossen. Auf Empfehlung unseres Peru-Führers hin machten wir uns per Taxi auf in den 20 Minuten entfernten Fischerort Huanchaco. Nur für ein paar Tage natürlich… 😉


Die Stadt Huanchaco

Schon bei unserer Ankunft fiel uns die besondere Atmosphäre auf. Es lässt sich schwer sagen, ob das an der lockeren Art der Leute oder dem allgemeinen Urlaubsfeeling in der Luft lag. Die anstrengende Geschäftigkeit Trujillos jedenfalls vermissten wir kein bisschen.

Unter den Palmen am Strand sangen ein paar junge Männer zu Gitarrenmusik, während eine kleine Pfeife umher gereicht wurde. Ein bekannter Geruch wehte durch die Nacht. Die letzten Surfer kehrten in der Dämmerung zu ihren Hostels zurück. Überall auf den Straßen lachende Menschen und umher rennende Kinder.

Auf einem Sportplatz direkt am Strand wurde so wie jeden Abend unter Flutlicht Fußball gespielt – sogar ziemlich professionell. Davor versuchten einige Verkäufer mit rollbaren Ständen, ihre verbliebenen Süßigkeiten zu verhökern.


Grafito
ausgefuchst…


Während wir so durch die Straßen schlenderten und die originellen Graffiti bewunderten, wurden wir von der jüngeren Bevölkerung mit Shaka-Gesten und “amigo”-Rufen gegrüßt. Die meisten Locals waren total offen und interessiert – oft wurden wir in Gespräche verwickelt.

Bereits nach wenigen Tagen kannten wir gefühlt die Hälfte aller Jugendlichen. Kein Wunder eigentlich, wenn man sich bei der Größe des Dorfs ständig über den Weg läuft.


Im Dezember beginnt in Huanchaco die Hauptsaison und der trübe Küstennebel wird von der Sonne verdrängt. Die vielen Hostels füllen sich dann nach und nach mit Surfern, Backpackern und orientierungslosen Langzeitreisenden.

Da wir in Trujillo bereits ein AirBnB-Apartment gebucht hatten, verbrachten wir die ersten paar Nächte abseits der geschäftigen Massenunterkünfte. Der allzu hohe Preis und unsere Neugierde trieben uns dann allerdings unter andere Reisende. Und so begann der Ort langsam von uns Besitz zu ergreifen…


Das “Meri Surf Hostal”

Für unseren Umzug standen diverse, sehr individuelle Hostels zur Auswahl und jedes hatte seinen eigenen Charme. Nach zwei Anläufen fanden wir die Bleibe unserer Wahl: das “Meri Surf Hostal”. Zu dieser Zeit waren wir schon eine knappe Woche in Huanchaco.

Unser Zuhause für die nächsten Wochen bot die Möglichkeit, selbst in einer offenen Küche zu kochen – ein wichtiges Kriterium für uns! Außerdem gab es eine kleine Halfpipe zum Skaten, eine Verleihstation für Surfausrüstung und eine große Dachterrasse mit Blick auf den Fußballplatz und das dahinter liegende Meer.


Surfstation
Blick von der Küche zum Surfverleih


Überall im Hostel wurden wir von schattigen Hängematten zu Siestas eingeladen. Der außenliegende Barbereich war mit chilligen Sitzgelegenheiten ausgestattet und wurde von Sofaecken im Inneren ergänzt. Genug Platz also für alle WLAN-süchtigen Bewohner und schlafenden Haustiere. 😀


Hund
…auch die Hunde entspannten gerne auf den Sofas!


Während unserer Zeit im “Meri” durften wir Bekanntschaft mit einigen extrem coolen Leuten machen. Einige davon arbeiteten im Schichtbetrieb an der Bar und übernachteten dafür kostenlos. Eine echt gute Option, die wir definitiv in zukünftigen Hostels in Betracht ziehen werden.

Neben Amerikanern, Kanadiern und Engländern lernten wir Menschen aus Finnland, Australien, den Niederlanden, Deutschland, Österreich und der Schweiz kennen.


Darrell
Darrell aus Kanada


Kommuniziert wurde hauptsächlich auf Englisch oder Deutsch, weshalb unser Lernfortschritt im Spanischen in der Zeit etwas stagnierte. Dafür läuft’s jetzt mit Englisch umso besser!

Darrell und Carly (aus Kanada und den USA) versuchten sich sogar an einigen deutschen Vokabeln. Mit viel Spaß und unter reichlich Gelächter brachten wir ihnen Sätze bei wie “Der linke Blinker ist kaputt.”, “Hängematten sind toll.” oder “Hast du Platz in deinem Schlafsack für mich?”


Die vielen Gespräche mit den Leuten, das gemeinsame Kochen und Feiern veränderte unsere Gruppe Tag für Tag. Mit der Zeit wuchsen wir zu einer großen Familie zusammen, in der jeder den anderen kannte und schätzen gelernt hatte.

Eine gewisse Dynamik entstand durch die Weiterreise von gewonnenen Freunden und die Ankunft neuer Leute, die normalerweise schnell den Anschluss fanden. Selten wurde es langweilig bei uns.


Ein ganz besonderer Charakter war Lorenzo. Wegen seiner kleinen Augen wurde er auch “el chino” genannt.

Lorenzo ist Surfer, arbeitete im Surfverleih des Hostels und war immer gut drauf. Während der Zeit im “Meri” hatte er etwas Englisch und einige Brocken Deutsch gelernt.


el chino
Lorenzo ist immer gut drauf!


Auf einer Mischung aus Spanisch und Englisch habe ich ihm für diesen Artikel einige Fragen gestellt. Ich hoffe, ich kann dir damit seine Person und die Surfermentalität etwas näher bringen. Bühne frei!



 

Hola Lorenzo! Cool, dass du dir die Zeit für ein paar Fragen genommen hast. Mich interessiert, wie lange du hier schon arbeitest.
Seit fünf Jahren. Ich habe mit 16 hier angefangen.

Was sind deine Aufgaben?
Ich betreue die Surfschule, gebe Surfstunden und bin für das Verleihen der Ausrüstung verantwortlich. Außerdem helfe ich den Gästen des Hostels bei generellen Fragen. Ich bin also ein Ansprechpartner für alles.

Wie viele Boards hast du zur Zeit am Start?
Hier stehen etwa 15-20 Boards für den Verleih und 20 für den Verkauf. Wir haben Short-, Long- und Funboards zur Auswahl. Wir stellen auch selber Boards nach den Bedürfnissen der Kunden her, das dauert aber eine Weile.

Du selbst bist fast jeden Tag auf dem Wasser. Was fasziniert dich persönlich am Surfen?
Ich surfe schon mein ganzes Leben lang, wie viele hier in Huanchaco. Für mich ist es mittlerweile zu einer echten Leidenschaft geworden. Sobald die Wellen gut aussehen, geh ich raus. Am liebsten surfe ich auf dem Longboard.

Hast du neben Wellenreiten schon einmal andere Wassersportarten ausprobiert?
Ja, ich bin getaucht und war Jetski fahren. Ansonsten reite ich nur Wellen, das macht mir am meisten Spaß! Irgendwann will ich mal Kitesurfen versuchen. Mal schauen, wann das klappt…

Seit wann bist du in Huanchaco und wieso bist du hier? Was gefällt dir an diesem Ort?
Ich bin in Huanchaco geboren und wohne seitdem hier. Ich mag die entspannte Atmosphäre, hier ist jeder total relaxt. Es gibt einen super Strand und die Wellen sind echt gut. Ab und zu fahre ich auch hoch nach Ecuador zum Party machen, wenn es mir hier zu ruhig wird. (lacht)

Verreist du auch manchmal?
Ja, in zwei Wochen gehts für mich mal wieder nach Montanita in Ecuador. Die Wellen dort sind der Hammer. Auch in Brasilien bin ich ab und zu. Und im März fliege ich nach Deutschland, um meinen Bruder zu besuchen.

Cool! Grüß deinen Bruder von uns, wir werden im März noch in Lateinamerika unterwegs sein. Willst du den Leuten in Deutschland noch irgendwas sagen?
Schnappt euch ein Board, sucht euch ne Welle und habt Spaß! Es gibt nichts besseres!

Muchas gracias por la entrevista, amigo!


Lorenzo mit uns
…am posen vor den Boards


Unser Tagesablauf

Nach unserem Umzug ins “Meri” entwickelten wir einen mehr oder weniger regelmäßiger Tagesablauf.

Für die erste Mahlzeit des Tages hatten wir die Wahl zwischen zehn verschiedenen Angeboten. Meistens aßen wir dennoch unser Standardfrühstück: Obstsalat mit Joghurt und Granola, dazu hausgemachtes Brot und Marmelade.


Mango
Auch Mango gab es des öfteren zum Frühstück.


Alle zwei Tage haben wir nach dem Frühstück bei Lorenzo Surfausrüstung ausgeliehen und uns in die Wetsuits gepresst. Mit den Boards unterm Arm ging es dann über die Straße an den Strand. Zu Beginn jeder Woche sah der leider aus wie Schwein.

Am Wochenende nämlich strömen die Einwohner Trujillos in Scharen an die Strände in Huanchaco und ignorieren dabei geflissentlich die Mülleimer. Montags konnte man dann in aller Pracht den Konsum der Badegäste bestaunen. Zum Glück investiert die Gemeinde in Müllbeseitigung.

Doch Plasikmüll hin oder her, wir stürzten uns erstmal in die Wellen und versuchten das Line-up zu erreichen (der Punkt, an dem die Wellen brechen). Wie genau sich Surfen für mich angefühlt hat, kannst du hier auf der Facebookseite des Blogs im Beitrag vom 06.12.15 nachlesen.


Surferbuddies
Surferboys am Strand ;D


Weiter draußen auf dem Meer saßen derweil Fischer auf den für Huanchaco typischen Schilfbooten – den “caballitos de totora”. Traditionell fahren sie frühmorgens raus und legen ihre Netze aus, um Fisch für die “ceviche” zu fangen.


An unseren surffreien Tagen nutzten wir die Klimmzug- und Dipstangen am Strand, um in Form zu bleiben.

Außer uns trainierte dort noch eine Vielzahl anderer Anhänger des Calisthenics-Sports. Mich hat der Trainingsstand und die Größe der dortigen Community sehr überrascht. Mein Respekt!


calisthenics
Das halbe Dorf trainierte an den Stangen!


Natürlich waren wir auch oft baden. Das macht bei meterhohen Wellen besonders Spaß.

Mit der Kraft des Meeres zu experimentieren geht nunmal viel einfacher, wenn man kein Surfboard am Fuß hängen hat. Nur auf die Strömung mussten wir einigermaßen Acht geben.


Nach sportlicher Betätigung meldete sich meistens unser Hungergefühl. Manchmal kochten wir in der Küche des Hostels Gemüsepfanne, Quinoasuppe oder Bratlinge.

Doch viel einfacher und oftmals nicht teurer war das Mittagsmenü im MyFriends-Hostel für 10 S/. (~3€). Das bestand aus Vorsuppe oder Salat und einem fetten Hauptgericht. Auch vegetarisch konnten wir dort essen.


myfriends
Hmmm…Schokofondue mit frischen Früchten.


Für den Snack zwischendurch gab es in Huanchaco gute Burger zu kaufen. Das Schnellrestaurant “Surfer Burger” zum Beispiel warb reißerisch mit den besten Burgern in ganz Peru. Durchaus konnten wir dem Laden eine gewisse Köstlichkeit nicht absprechen.

Viel öfter allerdings aßen wir bei dem Burgerstand “El Generoso” direkt am Strand. Für 4,50 S/. (~1,40€) gab es dort ein Chiabata-Brötchen belegt mit zwei gebratenen Eiern, reichlich Käse, Salat, Tomaten und Papitas (Minipommes). Für den Preis wirklich mega gut!


gudaburger
“Das war ein verdammt guter Burger.” (Kommentar von Carly zum Surferburger)


Doch wir haben nicht nur gegessen; auch für die kulturelle Abwechslung war gesorgt.

Etwa 15 Minuten per Colectivo entfernt liegt der 14 Quadratmeter große Ruinenkomplex “Chan Chan”. In der größten Lehmziegelstadt der Welt konnten wir das Vermächtnis der alten Chimú-Kultur hautnah erleben.


weatchanchan
Vor dem alten Stadtgarten.


Leider war außer den Grundmauern, den Fundamenten und der Stadtmauer nicht mehr viel erhalten. Dennoch war es ein erfurchtgebietendes Gefühl, in der größten vorkolumbischen Stadt des gesamten Kontinents zu stehen.


Ein regelmäßiges Abendritual war für uns der Ausklang des Tages beim Sonnenuntergang am Strand. Die Sonne durchlief dann beeindruckende Farbverläufe und ließ den Himmel in warmen Tönen erstrahlen.

Das Donnern der brechenden Wellen dazu erzeugte allabendlich eine sehr besondere Atmosphäre, die wir echt vermissen werden.


sunset
Im Kampf mit den Wellen zum Sonnenuntergang


Nachdem die Himmelsscheibe im Meer versunken war, begann für uns das Nachtleben.

Es gab Clubs mit unterschiedlicher Popularität, einige sogar mit Livemusik. Dort traf sich die Jungbevölkerung des Ortes mehrmals die Woche, um zu Raggeaton, Salsa oder Musik mit typisch peruanischem Rhythmus abzugehen.


club
Einer der “richtig guten” Clubs!


Über die Qualität der Musik ließ sich des öfteren streiten. Aber im Notfall räumten wir einfach die Sofas aus dem Innenhof vors Hostel und veranstalteten dort ein BBQ mit eigener Musik.

Auch gediegene Gespräche in gemütlicher Runde gehörten zu unserem Abendprogramm.


bbq
Grillabend vor dem Hostel, wenn die Musik in den Clubs mal wieder zu schlecht war 🙂


Die Tage verronnen schnell wie Sand zwischen unseren Fingern und die Feiertage rückten unaufhaltsam näher.

Das merkten wir auch an der kitschigen Deko, die überall verkauft wurde und den fremdartig klingenden Weihnachtsliedern. “Jingle Bells” bei knapp 30 Grad und Palmen am Strand konnten wir einfach nicht ernst nehmen.


christmas
Der Weihnachtsbaum in unserem Hostel


Immer mehr Leute verließen das Hostel, um das Fest mit engen Freunden zu begehen. Auch wir wurden langsam rastlos; führte uns der Umstand doch vor Augen, wie lange wir jetzt schon hier waren. Lorenzo war auch schon vor einer guten Woche nach Ecuador abgereist.

Schließlich war die Zeit für unseren Abschied gekommen. Eine echt harte Sache: kurz vor Weihnachten die Familie zu verlassen, die die Leute im Hostel mittlerweile für uns geworden waren.


Einmal erzählte ich einem alten Mann am Burgerstand von unserer längst überfälligen Weiterreise. Er sagte zu mir: “Huanchaco ist wie ein Magnet; du wirst immer wieder angezogen, wenn du weg willst. Es ist ein sehr besonderer Ort.”

Genau das haben wir erfahren und ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Doch die Zeit war reif, weiter zuziehen, denn unser Visum war schon abgelaufen.


terrasse
Es war an der Zeit, Abschied zu nehmen…


Wir buchten also einen Bus nach Cajamarca, um dort Heiligabend zu verbringen und verabschiedeten uns schweren Herzens von unseren Freunden im Hostel.

Von Cajamarca aus ziehen wir dann weiter nach Norden und passieren hoffentlich noch vor Silvester die Grenze zu Ecuador.


selfie

2 responses to “Huanchaco – Ankerwurf am Pazifikstrand”

  1. Lars sagt:

    FROHES NEUES JAHR!!! Hört sich traumhaft an, da will ich auch gleich wieder surfen..:-))
    macht weiter so und haltet uns auf dem Laufenden! Bin gespannt..

    • Alwin Pianka sagt:

      Danke Lars, wünsch dir auch ein geiles Jahr 2016!
      Wir machen mal nen Trip nach Portugal und gehen zusammen surfen, wenn ich wieder da bin 😉

      Updates gibt’s am laufenden Band – stay tuned…
      Alwin

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