Als ich durch Portugal gepilgert bin

Als ich durch Portugal gepilgert bin

„Der Camino bietet eine echte, fast vergessene Möglichkeit, sich zu stellen. Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen. […] Der Camino ist nicht einer, sondern tausend Wege, aber jedem stellt er nur eine Frage: Wer bist du?“

– Hape Herkeling

Wir alle tragen im Leben ein Päckchen mit uns rum.

Ein Päckchen geschnürt aus negativen Erfahrungen, Erlebnissen, Glaubenssätzen und Gedankenmustern, die Tag für Tag unser Denken, Fühlen und Handeln prägen. Solange der Inhalt dieses Päckchens unbewusst bleibt, erschaffen wir ständig (mal mehr und mal weniger) Schmerz. Dabei arrangieren wir uns damit, nehmen es so hin, weil wir uns mit dieser Last identifizieren.


Beobachten wir den Inhalt jedoch bewusst, können wir Verantwortung dafür übernehmen, uns vom inneren Ballast dissoziieren und so den erlebten Schmerz nach und nach auflösen.

Das ist bei weitem nicht immer leicht, soviel kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Solche Muster haben sich oft über Monate und Jahre hinweg eingebrannt. Im Alltag gefangen scheint das Alltägliche vielen als Notwendigkeit. Deshalb kann es sehr heilsam sein, gelegentlich seinem „normalen“ Leben zu entfliehen, um einen Blick von außen darauf zu werfen.


 

Alleine sein

 

In den letzten Monaten wurde ich oft mit einem Gefühl von Einsamkeit konfrontiert. Obwohl ich fünf Monate nach meinem Umzug nach Leipzig schon einige Freunde dazu gewonnen hatte, fehlte mir doch ein Umfeld aus super authentischen Menschen, das ich zum Beispiel von der „Expedition Sinn“ kannte. Ungewollt alleine zu sein löste in dieser Phase jedes Mal eine Spannung in mir aus, die ich zu verstehen versuchte.

Mir wurde klar, dass dieses Gefühl allein in mir und durch mich entsteht und niemand anderes dafür verantwortlich ist als ich. Mit mir zu sein entwickelte sich zu einem Thema, an dem ich bewusst arbeiten wollte. Ich entschied mich dafür, eine Zeitlang meine kleine Welt in Leipzig zu verlassen und mich damit zu konfrontieren.


Mitte Februar buchte ich die Tickets, zwei Wochen später schon ging mein Flug nach Portugal. Von einem Freund hatte ich Anfang des Jahres aus seinen Erzählungen das erste Mal vom „Camino Portugues“ gehört, einem alternativen Weg zur Hauptpilgerroute durch Nordspanien. Von ihm bekam ich auch Kartenmaterial und einige abschließende Tipps.

Ich hatte vor, die 260 km von Porto (P) nach Santiago de Compostella (ES) zu Fuß zurückzulegen. Dafür waren 14 Tage eingeplant.

 


 

Auf dem Camino Portugues

 

Die ersten zwei Nächte verbrachte ich noch in Porto. Ich besorgte mir einen Pilgerausweis in der Kathedrale und spazierte durch steile, enge Gassen vorbei an mit bunten Kacheln verzierten Hausfassaden. Ich erlebte ein vertrautes Gefühl von Entspannung und Gelassenheit, das ich schon aus meiner Zeit in Lateinamerika kannte. Die deutsche Mentalität zurückzulassen erwies sich per se schon als heilsamer Faktor.

 

 

Meine erste Tagesetappe nach Vila do Conde führte mich über hölzerne Dünenstege an der Atlantikküste entlang. Der Sonnenschein und die allgemeine Euphorie meiner Aufbruchsstimmung motivierten mich zu einem zügigen Schritttempo. Relativ schnell merkte ich die Belastung und musste mehrfach die Schuhe ausziehen, um meine Füße zu massieren (ein Problem, das ich ab dem dritten Tag fast nicht mehr hatte). Mit Blasen hatte ich zum Glück so gut wie keine Probleme.

Am Abend erreichte ich erschöpft die erste Pilgerherberge (span. „albergue“). Nach Vorlage meines Pilgerausweises wurde ich herzlich empfangen. Die meisten offiziellen Unterkünfte verlangen eine Gebühr von 6 Euro. Dafür bekommt man eine heiße Dusche und einen Schlafplatz im Gruppenraum (10 – 20 Doppelstock-Betten, Schnarcher inklusive). In vielen Herbergen gibt es außerdem eine (mehr oder weniger gut) ausgestattete Küche.

 


 

Die Reise nach Innen

 

Über die kommenden Tage hinweg entwickelte ich eine simple Morgenroutine. Aufstehen zwischen 7 und 8 Uhr, Schlafsack und Rucksack packen, frühstücken und zurück auf den Camino.

Während die Sonne die letzten Nebelbänke aus den Tälern vertrieb, ging es vorbei an moosbewachsenen Schiefermauern, antiken Kirchen und uralten Aquädukten, durch Weinberge und duftende Eukalyptuswälder. Die lange Zeit in der Natur und die lebendigen Sinneseindrücke ließen meinen Geist frisch und klar fühlen. Überall warteten kleine Wunder darauf, entdeckt zu werden.

 

 

Schritt für Schritt. Den ganzen Tag.

Das tolle am Laufen ist, dass man nicht darüber nachdenken muss. Es passiert wie von allein. Ein Funken Aufmerksamkeit für die gelben Pfeile am Wegesrand reicht, um den Camino nicht zu verlieren – der Rest des Verstandes läuft nach einiger Zeit im Leerlauf. Ein Gefühl von meditativem Flow.

Genau in solchen Phasen passiert es, dass immer tiefer gehende Gedankenspiralen völlig neue Perspektiven auf Probleme des Lebens eröffnen. Allein in einem fremden Land zu sein, ohne die Notwendigkeit komplexer Planung, ermöglicht einen Blick auf das eigene Leben, wie ihn sonst nur ein Psychotherapeut hat.

 

 

Um Ablenkungen zu vermeiden war mein Handy außerdem ab dem dritten Tag dauerhaft im Flugmodus. Radikale Medien- und Sozialdiät.

Spannend für mich war, wie sehr mich diese bewusste Isolation achtsamer und entspannter gemacht hat. In Gesprächen mit Menschen war ich präsenter und der regelmäßige Blick aufs Smartphone („vielleicht hat mir ja jemand geschrieben…“) wurde obsolet. Was für eine Befreiung!


Gesteigerte Aufmerksamkeit, Präsenz, Monotonie der Bewegung – in der Einfachheit meines Tages wurden mir immer häufiger Muster in meinen eigenen Denkstrukturen und Handlungen bewusst.

Und wenn ich mich dabei beobachtete, wie erneut ein Bedürfnis nach körperlicher Nähe oder Anerkennung aufkam, nahm ich auch immer deutlicher die Trigger (Auslöser) dafür wahr. Umgekehrt konnte ich mich dadurch (zu einem gewissen Grad) entscheiden, wie ich auf solche Auslöser reagieren möchte. Ich wurde in der Zeit mit mir immer sensibler für das, was ich und andere Menschen denken, sagen und tun.


Nichtsdestotrotz ist eine gesunde Beziehung zum Ich eine langfristige Entwicklung – kein Sprung von 0 auf 1, der durch eine stärkere Bewusstheit über innere Prozesse passiert. Doch die Realisation war ein wichtiger Schritt für mich und wird auch in Zukunft eine wertvolle Lektion bleiben.

 


 

Menschen auf dem Jakobsweg

 

Natürlich war ich nicht 24/7 komplett allein. Spätestens abends in den Herbergen, meistens schon zwischendurch in kleinen Cafés, traf ich auf andere Pilger auf dem Weg nach Santiago.

Zu dem Typ Mensch, der sich für eine Fernwanderung entscheidet, lässt sich verallgemeinernd wenig sagen. Ich habe Herbergen mit 20- bis 70-jährigen geteilt, von Studenten über Sozialarbeiter, Fotografen, Coaches, Professoren und Rentner. Etwa zwei Drittel der Menschen auf dem Camino kamen aus Deutschland, außerdem begegnete ich vielen Spaniern und Portugiesen. Das Aufeinandertreffen so vieler unterschiedlicher Lebenssituationen machte jeden Abend in der Herberge zu einem unvorhersehbaren und einzigartigen Erlebnis.

 

 

Was allerdings fast alle Pilger miteinander verband war die Suche nach einer Wahrheit oder die Arbeit an einem persönlichen Thema. Deshalb hatte man bei zufälligen Begegnungen relativ schnell eine Basis für ein tiefgründiges Gespräch über Familie, Entscheidungen, Träume und Ängste.

Da der Kontext so ein besonderer war und niemand damit rechnete, den Gesprächspartner (ungewollt) wiederzusehen, war Ehrlichkeit und Authentizität eine Selbstverständlichkeit. Wie schön wäre es, wenn wir solche furchtlosen Begegnungen auch im Alltag erlauben würden…


Mit einigen Menschen auf dem Camino kam ich in intensiveren Kontakt als mit anderen, man lief Teile oder ganze Tagesetappen gemeinsam und relativ schnell entwickelten sich Freundschaften auf sehr vertrauensvoller Ebene.

In den letzten Tagen vor Santiago traf ich auf eine kleine Gruppe Anfang 20-jähriger aus Deutschland, die sich größtenteils beim Pilgern kennengelernt hatten. Wir bauten schnell eine enge Verbindung auf. Sich jeden Abend in der nächsten Herberge wiederzusehen, gemeinsam zu kochen und sehr persönliche Gedanken zu teilen vermittelte mir das Gefühl, Teil einer Backpacking-Tour mit langjährigen Freunden zu sein – obwohl wir uns eine Woche zuvor nicht einmal kannten. Sogar Menschen aus Leipzig waren dabei.

 

 

Die letzten Tage vor Santiago haben mir insgesamt zu einem neuen Bild des Wesens von Freundschaft verholfen. Viel öfter als gemeinsame Interessen oder eine lange Bekanntschaft sind es Qualitäten wie Ehrlichkeit, Offenheit und tiefes Vertrauen, die eine Freundschaft definieren.


 

Die Ankunft

 

Zehn Tage nach meinem Aufbruch in Porto erreichte ich das Ende des „Camino Portugues“. Entgegen meinen Vorstellungen erlebte ich kein überwältigendes Gefühl von Erleuchtung oder tiefer Erkenntnis, als ich vor der Kathedrale in Santiago de Compostella ein letztes Mal meinen Rucksack absetzte. Vielmehr trat ein simpler Satz in mein Bewusstsein: „Der Weg war das eigentliche Ziel.“

Zehn Tage räumliche und geistige Distanz zu meinem Leben haben eine neue Beziehungskultur – vor allem zu mir selbst – angestoßen. Ich habe ein entspannteres Verhältnis zum Alleinsein entwickelt, bin bewusster mit emotionalen Triggern und meinen Reaktionen darauf geworden. Und ich habe wundervolle Menschen kennengelernt, die ich mittlerweile zu meinen engsten Freunden zählen darf.

 

 

Der Jakobsweg ist eine völlig andere Art zu reisen, eine körperliche und geistige Herausforderung nach eigenen Maßstäben. Ich habe in dieser Zeit viel mehr bekommen und über mich gelernt, als ich es erhofft hätte. Aber am Ende sieht die Erfahrung für jeden anders aus, eben weil jeder Mensch ein anderes Päckchen mit sich rumträgt…


 

„Der Weg gibt dir nicht das, was du willst, sondern das, was du brauchst.“

– Jakobsweg-Weisheit

5 responses to “Als ich durch Portugal gepilgert bin”

  1. Nele sagt:

    Toll geschrieben! Ein paar zum Nachdenken anregende Zeilen …

    • Leonie sagt:

      Hi alwin,

      Die Gefühle die du in deinem Artikel beschreibst, vor allem das Alleinsein, erinnern mich sehr an meine eigene Situation vor einigen Wochen. Ich mache zur Zeit workaway in Nordspanien. Als ich in Bilbao ankam habe ich festgestellt, wie schmerzhaft es sein kann sich von Seinem sozialen Umfeld zu lösen und sich auf eine neue Umgebung einzulassen. Der camino führt auch durch das Baskenland, durch die Straßen von Bilbao. Ich habe das Gefühl er ist immer da und irgendwann laufe ich einfach auch morgens los.
      Schön, dass du deine eindrücke so offen teilst. Es hat mich wieder in meine eigene Gefühlswelt zurück versetzt.
      Liebe Grüße
      Leonie (Klassenkameradin von Nele 😉 )

      • apianka sagt:

        Hi Leonie,

        danke für deinen Kommentar. Es berührt mich zu hören, dass meine Erlebnisse dein Seelenleben reflektieren. In der Tat glaube ich, dass sehr viele Menschen so fühlen, aber nur wenige den Mut haben, das auszusprechen. Hab noch eine gute Zeit in Spanien – und wenn es sich ergibt, geh für ein paar Tage auf den Camino. Es lohnt sich 😉

        Eine Umarmung,
        alwin

    • apianka sagt:

      Danke, liebe Nele. Freut mich, dass der Artikel was bei dir angestoßen hat…

  2. Ines Pianka sagt:

    Hallo Alwin,
    dies ist ein sehr anschaulicher und eindringlicher Bericht deiner Reise. Es hat Spaß gemacht, ihn zu lesen.
    Erst jetzt ist mir bewusst geworden, welche körperliche Strapaze du dir auferlegt hattest – 25 bis 30 km Fußweg täglich, das ist nicht ohne für meine Vorstellung, aber vielleicht hast du das nicht so stressig empfunden.
    Spannend war zu erfahren, was dich bewegt hat und was du aus dieser Reise mitgenommen hast. Als Mutter mach ich mir ja schon Gedanken, wenn du von dem “Päckchen” schreibst, das du mit dir rumschleppst. In unseren Gesprächen daheim hatte ich nie das Gefühl, dass du einen – sagen wir “seelischen Ballast” mit dir führst oder “eingebrannte Muster”, die dir unangenehm zu sein scheinen. Wär schon gut, wenn du uns da auch teilhaben lässt. Auch das “Gefühl der Einsamkeit”, das du im negativen Sinne zu erleben scheinst, macht mich nachdenklich.
    Aber schön, dass du für dich viele positive Erlebnisse und diese speziellen Erfahrungen mitnehmen konntest.
    Liebe Grüße Mama

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