7 Dinge, die ich auf meiner Radtour durch die Alpen gelernt habe

7 Dinge, die ich auf meiner Radtour durch die Alpen gelernt habe

Anfang April bin ich mit einem guten Freund auf der Via Claudia Augusta 10 Tage lang von Füssen (D) nach Verona (I) an den Gardasee gefahren.

Im Gepäck ein Zelt, vier Pullis, ein Notizblock und eine Kamera.


“Radfahren ist Meditation in Bewegung.”

Bert van Radau, deutscher Psychologe und Autor


break


Bevor du fragst – ich weiß nicht, was mich dazu bewogen hat.


Vielleicht war es die Aussicht auf eine geile Zeit, umgeben von eindrucksvollen Berglandschaften.

Vielleicht wollte ich von mir sagen können, ich hätte einmal mit dem Rad die Alpen durchquert.

Möglicherweise war es aber auch einfach nur meine Vorliebe für verrückte Dinge.


Was auch immer letztendlich dazu geführt hat, es war eine verdammt positive Erfahrung.

Eine, die meine Sicht auf bewusstes Reisen nachhaltig verändert hat.

Meine Learnings möchte ich in diesem Artikel mit dir teilen. Let‘s go!



1. Der Orientierungssinn ist nicht immer zu 100% verlässlich.

Nachdem wir mit dem Zug am Nachmittag im verschneiten Füssen ankamen, wollten wir – ab hier per Rad – ein Stück Richtung Süden fahren und (nach Möglichkeit) einen geeigneten Platz für das Zelt suchen.

Wie bei unserer letzten Tour im Sommer 2014 (von Weimar nach Füssen) hatten wir kein Kartenmaterial oder Kompass dabei.

Der Plan, sich am Sonnenstand zu orientieren, scheiterte am dichten Schneetreiben. Und so merkten wir erst nach ca. 11 km Fahrt an uns bekannten Ortsnamen (von der letzten Tour), dass wir stattdessen nach Norden fuhren.

Nach der Umkehr schliefen wir wenig nördlich von Füssen in einer Radlerherberge. Es macht eben doch keinen Spaß, durchnässt im Schnee ein Zelt aufzubauen 🙂


In (teils) unbekannten Gebieten mit schlechten Wetterverhältnissen ist ein Kompass ein Muss. Auch Kartenmaterial kann dabei helfen, böse Überraschungen zu vermeiden. Leute nach dem Weg zu fragen ist nicht peinlich, sondern spart Zeit und Kraft.

bridge




2. Flexibilität ist die Würze in der Suppe des Reisens.

Auf Reisen lässt sich nie alles vorhersagen. Auch bei uns war mehrmals ein spontanes Umplanen nötig.


Schon am Bahnhof in Weimar fiel der erste Zug nach Erfurt aus, der Schienenersatzverkehr wollte die Räder nicht mitnehmen. Was nun?

Eine komplett neue Zugverbindung musste her (für die wir allerdings kein Ticket hatten). Das hat nicht nur zwei zusätzliche Umstiege erfordert, sondern auch überzeugende Kommunikation mit den Fahrkartenkontrolleuren.


In einem Zug vergaß ich beim Umsteigen mein Portemonnaie. Mit Perso, Bankkarte, TK-Karte und 120 €. Ziemlich ärgerlich, aber passiert nun mal nach 3,5 Stunden Nachtruhe.

Von da an musste mein Kumpel vorläufig unsere komplette Reise finanzieren. Umdenken war ab jetzt angesagt – oft wurde Minimalismus bevorzugt, eine heilsame und lehrreiche Erfahrung.


In Trento (I) teilt sich die Via Claudia Augusta. Ein Teil biegt nach Osten ab, der andere führt weiter südlich nach Verona. Ursprünglich wollten wir die östliche Route mit dem Ziel Venedig nehmen.

Nachdem wir allerdings 30 km hinter Trento feststellten, dass wir auf der südlichen Route weiter fuhren (Punkt 1, right?!), wurde spontan das Ziel umgeschrieben. Diese Entscheidung hat uns viele spannende Bekanntschaften machen lassen.


Wenn nicht alles läuft wie geplant, müssen spontan neue Entscheidungen getroffen werden. Oft sind es eben diese unvorhergesehenen Komplikationen, die zu coolen Erlebnissen führen.

sunny



3. Eine Erfahrung zu machen ist mehr wert als tausend Ratschläge.

Seit Stunden dichter Schneefall. Wir sind auf 1000 m ü. NN wenige Kilometer vor dem ersten Pass.

In einer Tankstelle fragen wir, wo der Radweg über den Fernpass nach Süden verläuft. Uns wird geraten, sowohl von der Überquerung des Radwegs („dieser liegt unter einem halben Meter Schnee“) als auch der Passstraße („diese ist gefährlich stark befahren“) abzusehen. Stattdessen sollten wir doch den Postbus nehmen.

Nach einer Stunde des Wartens auf den Bus stellt sich heraus, dass auch dieser keine Fahrräder transportiert. Gewollt, den Pass trotzdem noch an diesem Tag zu überwinden, nehmen wir die Straße und werden von mehreren entgegenkommenden Autofahrern mit freundlich grüßenden Gesten motiviert.

Nach einer weiteren Stunde sind wir auf der Passhöhe angekommen und eine minutenlange Schussfahrt ins nachfolgende Tal beginnt.


Ratschläge sind zwar oft gut gemeint, gründen dennoch eher selten auf konkreter Erfahrung. Wer das Risiko abschätzen kann und die Herausforderung liebt, sollte deshalb nur auf (eigene) Erfahrung vertrauen.

snow02


“Das Leben ist wie Radfahren. Du fällst nicht, solange du in die Pedale trittst.”

-Claude Pepper, US-amerikanischer Jurist und Politiker, 1900 – 1989



4. Körperliche Grenzen sind schwerer zu erreichen, als man anfangs denkt.

Eigentlich hatten wir gehofft, die Tour komplett unterhalb der Schneegrenze fahren zu können. Rückblickend ein eher naiver als realistischer Wunsch – oberhalb von 1500 m am Anfang des Aprils.

Ungeplant kamen wir deshalb öfter in Situationen, in denen wir die Räder durch fast kniehohen Schnee schieben (oder eher tragen) mussten.

snow01


Hätte mich jemand vor der Tour gebeten, mein Rad mit zwei vollen Ortliebtaschen beladen mehrere hundert Meter einen schneebedeckten Hang raufzutragen, hätte ich das wohl höflich lächelnd als Unmöglichkeit abgetan.

Doch in genau solchen Situationen wird einem bewusst, dass Grenzen nur im Kopf entstehen. Unser Körper ist zu weitaus mehr fähig, als uns vor der Erfahrung bewusst ist.


Auch der Serpentinenweg von der Schweiz nach Österreich zum Reschenpass (380 HM) wäre für mich vor der Tour eine Herausforderung gewesen, die ich niemals innerhalb einer halben Stunde hätte meistern können.

Der Blick vom Bergkamm hinunter ins Tal hat mich dann eines Besseren belehrt. Es ist echt wahnsinnig beeindruckend, spielzeuggroße Häuser hunderte Meter unterhalb zu sehen und zu wissen, dass man selbst dort vor einigen Minuten noch gestanden hat.


Extreme körperliche Herausforderungen werden von vielen gescheut – deren Bewältigung teils als unmöglich angesehen. Dabei setzt das Gehirn einen Schutzmechanismus in Kraft, um Energie zu sparen.

Zum Glück ist das mittlerweile irrelevant, alle paar Kilometer findet sich eine Tankstelle oder Supermarkt. Es ist also primär eine Willensfrage, ob man die Belastung besteht oder nicht.

running



5. Reisen erhöht die Achtsamkeit für den Augenblick.

Jeder kennt das: in (fast) täglich erlebten Situationen ist es sehr schwer, mit den Gedanken beim Hier und Jetzt zu bleiben.

Vieles läuft automatisch ab, unsere geistige Präsenz ist nicht zwingend erforderlich.

Deshalb wandern unsere Gedanken unbewusst weg von der Gegenwart – wir machen uns Gedanken über Dinge, die passiert sind oder sorgen uns um die Zukunft. Bringen tut das selten etwas.

Vielmehr verlieren wir die Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, was um uns herum geschieht.

hdr


Beim bewussten Reisen besteht dieses Problem kaum. Ständig wird man mit neuen Situationen und unbekannten Orten konfrontiert, die die geistige Gegenwart erfordern.

So ist das Erleben nicht nur stärker an Emotionen geknüpft und viel intensiver, sondern bedeutet gleichzeitig Befreiung von der Last der Vergangenheit und den Sorgen um die Zukunft.

Diese Freiheit des Geistes zu erleben ist nach eigener Erfahrung sehr heilsam. Auch kann sie das Big Picture im eigenen Leben greifbarer machen – vieles relativiert sich auf Reisen.


Neue Situationen und Orte erfordern, dass wir mental bei der Sache sind. Deshalb ist bewusstes Reisen eine gute Möglichkeit, seinen Geist auf gegenwärtige Präsenz zu trainieren.

Positiver Nebeneffekt: Man verknüpft die Erlebnisse mit Emotionen und kann sich somit länger und besser daran erinnern.

concious



6. Wildes Campen bedeutet Kontakt mit der rohen Natur.

Campen außerhalb von öffentlichen Zeltplätzen hat immer etwas Aufregendes.


Die erste Herausforderung ist das Lokalisieren eines einigermaßen ebenen Platzes, der trotzdem relativ sicher vor unliebsamen Besuchern ist. Dabei kommt man oft um Kompromisse nicht herum.

Auf unserer Tour waren das kleine Waldlichtungen, umwucherte Kahlstellen an Wegesrändern und Grünstreifen am Rand eines Kanals.


Das zweite Problem, welches sich schnell einstellt, ist die zunehmende Kälte in den Aprilnächten.

Während man kurz nach dem Ankommen noch verschwitzt im T-Shirt die Pause genießt, wacht man öfters mitten in der Nacht auf, weil man trotz der 4 Pullis, 3 Hosen und 3 Paar Socken im Schlafsack immer noch friert – und dass bei Tagestemperaturen um die 25 °C!

(Dazu muss gesagt werden, dass beschriebene Situation auf unsere Bequemlichkeit zurück zu führen ist. Wir hatten an diesem Abend keine Lust mehr, das Zelt aufzubauen und entschieden uns, unter freiem Himmel zu schlafen…keine gute Idee!)


Drittens: als wild Campender ist man nicht der einzige Bewohner im jeweiligen Biotop. Verstörende Tiergeräusche und lautes Knacken wenige Meter neben dem Zelt gehören einfach dazu.

Doch Respekt und Achtung vor den immer kleiner werdenden Lebensräumen der Waldbewohner zu bewahren, ist dabei sehr wichtig! Als Grundregel sollte gelten: den Ort des Geschehens so verlassen, wie er vorgefunden wurde.


Vor allem von Herbst bis Frühling ist es grundsätzlich besser, zum Schlafen zu viel anzuziehen. Frierend aufzuwachen kann wirklich die Nacht zur Hölle machen – ausziehen dagegen ist schnell getan. Prinzipiell ist es wichtig, auf einen den Nachttemperaturen angepassten Schlafsack zu achten.

Ist nicht klar, wie kalt die Nacht wird: immer ein Zelt aufbauen! Ein Gaskocher für Tee oder eine warme Mahlzeit ist sehr zu empfehlen. Und: respektvoll mit der Natur als Lebensraum umgehen – kein Müll zurück lassen und keine Vegetation zerstören.

camping



7. Offenheit öffnet Türen

Fremde Leute anzusprechen ist ja an sich nichts Neues. Schnell mal nach dem Weg fragen oder bitten, ein Foto zu machen, gehört halt einfach dazu.

Aber gerade auf Reisen in fremden Ländern kann ehrliche Offenheit Möglichkeiten erschließen, wirklich authentische Leute kennenzulernen und das Land durch deren Augen zu erleben. Und vielleicht entwickeln sich sogar langfristige Freundschaften.

Wir durften dieses Privileg gleich zweimal erleben.


Die erste Bekanntschaft mit einem Einheimischen machten wir in Trento. Dieser bot uns nach einem Gespräch über unsere bisherige Reise an, die Nacht in seinem Garten zu zelten. Wir nahmen das Angebot an und lernten durch ihn in einem besetzten Haus der Stadt viele nette Leute kennen, die alle Interesse an unserer Reise zeigten.

Einige Mädels luden uns zu sich in ihre WG ein, wo wir den restlichen Abend verbrachten und schließlich auch nächtigen durften. Ich war überrascht von der Herzlichkeit der Italiener.

trentogirls


Nachdem wir in Lazise am Gardasee ankamen, machten wir Bekanntschaft mit einer Gruppe junger Leute aus Verona, die das Wochenende am See verbrachten. Einige sprachen ziemlich flüssiges Englisch, sodass die Kommunikation erfreulich gut verlief.

Nach Stunden am Strand fuhren wir mit ihnen in eine benachbarte Stadt, in der wir nachts auf einem kleinen Straßenfest eine echt geile Zeit hatten. Wieder durften wir bei einem der Italiener die Nacht verbringen und am nächsten Morgen ein sattes Frühstück genießen.

gardaferd


Ist man auf eher unkonventionellen Reisen unterwegs, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich (vor allem junge) Leute dafür interessieren.

Sei in Gesprächen, die sich zufällig ergeben („Kann ich mir mal bitte eine drehen?“, „Wisst ihr, wo hier der nächste Radladen ist?“, etc.), authentisch, freundlich und offen für Neues. In vielen Fällen kommt das zu dir zurück und du erlebst die krassesten Dinge.

Ach ja: auch grundlegende Sprachkenntnisse im jeweiligen Land werden sehr positiv gewertet! Ein paar Minuten im Sprachführer zu blättern lohnt sich sehr.

garda



Warst du schon mal auf einer mehrtätigen Radtour unterwegs? Welche Erfahrungen hast du mit bewusstem Reisen gemacht? Schreib deine Antwort in die Kommentare!

2 responses to “7 Dinge, die ich auf meiner Radtour durch die Alpen gelernt habe”

  1. Gregor Gindlin sagt:

    Wow, that’s a great article. I hope there will be more of them coming soon! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*