Studium kann warten: Wir werden Farmer! (Wie nichtstun zum Erfolg führt…)

Studium kann warten: Wir werden Farmer! (Wie nichtstun zum Erfolg führt…)

Ein Leben zwischen Brombeerstrauch und Feigenbaum, inmitten der Natur, mit Blick auf die Berge, den Wind im Haar. Deine Kinder toben lachend über die weiten Wiesen. Kein Autolärm, keine Abgase in der Luft…

Wie klingt das für dich?

Wir haben diese Art zu leben für einen guten Monat ausprobiert, auf der Biofarm von Eilif in der Nähe von Corongo.

Dabei haben wir erfahren, wie ein Prinzip des Daoismus unser Leben durch simples nichtstun vereinfachen kann…


Von Cusco aus ging es für uns noch einmal 21 Stunden im Bus quer durchs Gebirge zurück nach Lima. Wegen dem schlecht ausgebauten Verkehrsnetz war eine direkte Fahrt zur Farm nicht möglich. Wir mussten also wieder den Umweg über die Küste nehmen.

Eine Nacht im bekannten Hostel “Tampu Machi” – gleich am nächsten Tag brechen wir auf zur nächsten Etappe: Huaraz.


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Der Van nach Corongo fährt von dort aus nur einmal die Woche. Aus diesem Grund waren wir gezwungen, weitere vier Tage in der Kleinstadt auf 3.100 m zu verbringen.

Wir konnten uns dort deshalb ungezwungen einen Überblick über die vielfältigen Märkte verschaffen und das reichhaltige Fleischangebot bestaunen.


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Die letztendliche Anreise zum gefühlten Ende der Welt erfordert mehrmaliges Umsteigen.

Wir fahren in Minivans mit lautstarken Fahrbegleitern, die überall halten, wo Leute ein- oder aussteigen wollen. Wir finden eine Mitfahrgelegenheit durch einen Canyon und nehmen für die letzte Etappe einen überfüllten Bus.

Dann sind wir endlich da.


Wie sieht die Farm denn so aus?

Das gesamte Gelände liegt auf einem schmalen Bergrücken, der etwa ein Kilometer in das Tal ragt. Auf beiden Seiten des Kamms graben sich Flüsse in die tiefen Täler ein. Die Hänge fallen steil mehrere hundert Meter ab.

Von der Straße aus führt eine staubige Auffahrt zu einem “Tor” aus zwei beweglichen Blechen, die beim Öffnen ein wahres Donnergeräusch erzeugen.

Etwas weiter hinten steht das Wohngebäude. Es besteht aus mehreren Holzpfählen, auf denen Wellblech eine Fläche von etwa 15 x 25 m überdacht. Ein Großteil des Platzes wird von Abstellbereichen, einer kleinen Werkstatt und einem Schlafzimmer eingenommen. Außerdem gibt es zwei Tische mit ein paar Stühlen sowie einen Kochbereich. Der Boden ist nur teilweise betoniert.


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Irgendjemand hat beim Bau dieser Konstruktion peruanische Körpermaße vorausgesetzt. Wir konnten deshalb im “Wohnbereich” nur leicht gebückt laufen. Ich hatte fast durchgängig Beulen von den niedrigen Deckenbalken.

Direkt neben dem Küchenbereich liegt die Nursery – die Pflanzen-/Baumschule. Hier werden neue Samen gezogen, anspruchsvollere Pflanzen umsorgt und frisch gepflanzte Sprösslinge bis zum Umpflanzen gepflegt.
Zum Kochen konnten wir hier frischen Rosmarin und Oregano pflücken, außerdem gab es Salat, Rote Bete, Zuckerrohr und einige Beeren.


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Am Ende der Nursery findet sich die Toilette – auch hier wurde auf Minimalismus gesetzt. Ein überdachter Holzverschlag mit kreisförmiger Aussparung hat sein Zweck für uns voll und ganz erfüllt!

Weiter hinten haben die Hühner ihr Domizil. Auf einer täglich bewässerten Grünfläche stehen etwa zehn Käfige in diversen Größen. Das Krähen und Gackern waren grundlegender Bestandteil der alltäglichen Geräuschkulisse


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Erst hinter den Hühnern beginnt die hauptsächliche Anbaufläche. Hier wachsen Guaven- und Apfelbäume, Bananenstauden, Pappeln, Eichen, Brombeeren und diverse Bohnengewächse.

Auf den Beeten kämpfen Möhren, Kohl, Tomaten, Weizen und Hafer mit Unkraut und der unbarmherzigen Sonne.


Auf dem gesamten Gelände verteilt stehen etwa ein Dutzend Pools für die Bewässerung. Sie werden über Schläuche von einem Kanal aus den Bergen oberhalb der Farm gespeist. Ohne diesen wäre das gesamte Farmprojekt nicht möglich.


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Was hat die Umgebung zu bieten?

Die Farm liegt etwa zwei Stunden Fußmarsch vom nächsten Ort entfernt. Corongo ist eine ruhige Kleinstadt mit etwa 2000 Einwohnern. Wegen der Lage sind ausländische Besucher hier selten.

Das Leben ist spielt sich hauptsächlich auf dem zentralen Platz des Ortes ab. Einheimische unterhalten sich hier gemütlich im Schatten der Bäume, gehen in einem der fünf Läden einkaufen oder warten auf eine Fahrgelegenheit in eine richtige Stadt. Muy tranquillo könnte man sagen…


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Fast jedes Auto hier ist ein Pickup Truck (praktisch für das Leben auf dem Lande) oder ein Kleinbus für den Transport kleinerer Gruppen bis 10 Personen. Es gibt sogar mehrere kleine Läden mit Internet, die wir allerdings kaum genutzt haben. Die Jugend im Dorf dafür umso mehr!

Ansonsten wird einem in Corongo schnell langweilig; länger als ein paar Stunden am Stück konnten wir uns dort deshalb nicht aufhalten.


Laufen wir von der Farm aus in die andere Richtung, erreichen wir nach etwa drei Stunden auf der gewundenen Bergstraße das kleine Dorf Yupan. Hier mussten wir schon in mehreren Läden nachfragen, bevor wir Obst kaufen konnten.

Als Nichtperuaner waren wir in Yupan außerdem eine wahre Kuriosität. Sehr oft wurden wir freundlich mit gringos gegrüßt. Das ist hier eine gebräuchliche Anrede für Ausländer und in den meisten Fällen nicht rassistisch gemeint.


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Von der Farm aus erreichen wir in etwa 20 Minuten zu Fuß ein natürliches Thermalbad. Wegen vulkanischer Aktivität fließt hier ein Wasserfall mit Temperaturen um die 34 Grad aus dem Fels.

In einem Betonbecken wird das Wasser auf 1,50 m gestaut – eine perfekte Minitherme mitten in der Natur. Zwischen Farnen und Kakteen konnten wir im heißen Wasser komplett entspannen und den Geist zur Ruhe kommen lassen.


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Das überlaufende Wasser aus dem Becken fließt als kleiner Bach das Tal hinab und erschafft so ein idyllisches, grünes Band mit üppiger Vegetation. Vereinzelt grasen hier Pferde, Esel und Kühe.

Die Berghänge sind übersät mit dickfleischigen Agaven – viele davon in Blüte. Oft ist die Luft vom summenden Geräusch kleiner Kolibris erfüllt. In der Ferne rauscht das Flusswasser dumpf durchs nächste Tal.


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Außerdem haben wir massig Eukalyptusbäume, Wunderbäume (ricinus) und riesige Kakteen gesehen. Stabheuschrecken, Skorpione und Sonnenanbeterinnen gehören hier ebenso zur Fauna wie Tigerspinnen, Schwarze Witwen und 10 cm lange Hundertfüßer.

Gestochen, gebissen oder angeleckt wurden wir zum Glück jedoch nicht.


Insgesamt ist die Landschaft um der Farm eine äußerst eindrucksvolle. Die Weite des Tales, die Tiefe der Täler mit ihren rauschenden Flüssen und die monumentalen Ausmaße der Berge führen uns vor Augen, wie klein wir doch eigentlich sind.


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Der Anblick des nächtlichen Sternenhimmels über der Farm (in der Anzahl der sichtbaren Sterne mit dem deutschen nicht vergleichbar) verstärkt diesen Eindruck noch nachdrücklich. Wahnsinn…


Wer ist eigentlich dieser Eilif?

Eilif ist der Besitzer der Farm. Stark vereinfacht könnte man ihn als norwegischen Peterson beschreiben – mit seinem breiten Sonnenhut, der zerschlissenen Hose und seinem Vollbart.

Eilif ist immer die Ruhe in Person und arbeitet wenn möglich nur in Harmonie. Denn Arbeit unter Zwang mag er gar nicht.

Er spricht neben Norwegisch noch Englisch und Spanisch. Auch Deutsch hatte er mal in der Schule, doch das ist etwas länger her..


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Schon in Norwegen hatte Peterson – ähm Eilif – eine eigene Farm und veröffentlichte vierteljährlich ein Magazin zu den Themen “Autarkie” und “Landwirtschaft”.

Als er auf einer Reise seine Frau Carola kennenlernte und die beiden heirateten, zog er nach Peru und baute hier nach einiger Zeit eine neue Farm auf. Seit 2012 arbeitet er nun schon an diesem Projekt. Trotzdem ist es noch ein langer Weg bis zum autarken Lebensstil.


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Eilif ist stark geprägt von den Ideen des japanischen Bauern Masanobu Fukuka, der seine Erkenntnisse in dem Buch “One Straw Revolution” zusammengefasst hat.

Leitmotiv der Farm ist deshalb das daoistische Prinzip wu wei, was soviel wie “do nothing” (nichtstun) bedeutet. Gemeint ist hier die “Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns”. Wie kann ich die Dinge vereinfachen? Welche Handlungen kann ich entbehren, ohne das Ziel zu verfehlen?

Nachdenken und Beobachten sind beim ihm die ersten und wichtigsten Schritte im Umgang mit der Natur.


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In regelmäßigen Gesprächen vermittelt uns Eilif seine Ideen von nachhaltiger Landwirtschaft (Düngen, Tierhaltung, Baumpflege, Vermehrung, uvm).

Grundlegend sieht er die Anpassung an die Natur und ihre zyklischen Prozesse als äußerst wichtig an. Dabei ist Geduld für die natürlichen Vorgänge eine wichtige Schlüsselkompetenz.

Den Weg des geringsten Widerstands zu gehen erleichtert das Leben als Farmer in vielerlei Hinsicht. Die Natur ist unser Lehrer und wir müssen nur lernen, zuzuhören.


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Gleichzeitig äußert Eilif Kritik an der Lebensweise der westlichen Industriegesellschaft. Seiner Meinung nach ist sie krank, in vielerlei Hinsicht zerstörerisch und wird früher oder später untergehen (wie schon viele Hochkulturen vor ihr).

Beispielsweise folgt die Agrarindustrie einem stark ausbeuterischen Ansatz und ist in keinster Weise nachhaltig. Hier spielen nur ökonomische Interessen ein Rolle (siehe Monsanto).

Wir haben erfahren, wie stark die peruanische Landwirtschaft auf den Einsatz von Chemikalien setzt. Da wir eher wenig Lust auf Dioxin haben (Agent Orange wird hier als Pestizid eingesetzt!), schälen wir seitdem die Äpfel.


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Auch der westlichen Medizin (als Marionette der Pharmaindustrie) steht er kritisch gegenüber. “Sie hält sich für sehr fortschrittlich, aber behandelt in den meisten Fällen nur die Symptome und zerstört langfristig mehr als repariert wird.”

Alternative Behandlungen wie die der TCM werden im Westen weitestgehend ignoriert. Die beste Prävention gegen Krankheit sei eine gesunde Lebensweise und Ernährung.


In der einen Hälfte des Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu erwerben. In der anderen Hälfte opfern wir Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen.
-Voltaire


Eilif hat eine Vision. Er will das beschädigte Mikroklima im Raum Corongo schrittweise wiederherstellen. Dazu müssen die riesigen Berghänge über die nächsten Jahre artenreich mit Bäumen bepflanzt werden. Positiver Nebeneffekt: die Erosion würde deutlich reduziert. Doch das ist ein Projekt für die nächsten Jahrzehnte.

Bis dahin versucht er, das Bewusstsein der Leute für biologische Landwirtschaft in Corongo zu schärfen. Er unterstützt die lokale Bio-Assoziation und hält Vorträge für Schulklassen auf der Farm.


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Voll ausgebaut kann Eilif mit seiner relativ kleinen Anbaufläche etwa 250 Menschen durchgängig ernähren. Die ca. 2500 Bewohner im Raum Corongo könnten also ohne Probleme komplett lokal versorgt werden, wenn sich nur mehr Farmer für den nachhaltigen Anbau einsetzen würden.


Wer ist sonst noch auf der Farm?

Eilif hat zwei Kinder: Sarah (5) und Daniel (8). Die beiden sind die meiste Zeit mit ihrer Mutter Carola oben in Corongo. Dort haben Sie langfristig ein Zimmer gemietet. Sind die kleinen allerdings mal auf der Farm, ist die sonst eher ruhige Atmosphäre gleich passé.

Dann werden Hühner und Küken durch den Garten gejagt und brutal geschüttelt, Biomüll von gegessenem Obst wird fein säuberlich auf den Tischen verteilt und im Minutentakt schallt Sarahs Ruf (“Eiiiliiiiif!?”) über das Gelände.

Doch wie ihr Vater so drauf ist, lässt er sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Er stellt dann die Gießkanne ab und nimmt sich entspannt die nötige Zeit.


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Sarah und Daniel wachsen dreisprachig auf. Neben Norwegisch vom Vater und Spanisch (ihre Lieblingssprache) von der Mutter lernen sie durch die vielen Freiwilligen auf der Farm auch Englisch.

Zur Schule gehen die beiden Naturkinder nicht, denn auch mit dem Bildungssystem hat Eilif keine guten Erfahrungen gemacht. Er setzt hier auf regelmäßige Lerneinheiten zu Themen wie Biologie, Chemie und Mathe. Und die Praxis wird während stundenlangen Erkundungen der Umgebung von der Natur selbst vermittelt.


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Nicht wegzudenken vom Farmleben ist Javier, unser Gärtner, Meisterkoch und Kommentarspezialist.

Javier wohnt eigentlich in Corongo, arbeitet aber 6 Tage die Woche mit uns zusammen. Er hat die Assoziation für Bioprodukte in Corongo gegründet und veranstaltet wöchentliche Treffen der Mitglieder.

Der 62-jährige ist noch erstaunlich fit, steht morgens halb 6 auf und gießt die Beete oder bearbeitet mit Spitz- und Blatthacke den Boden. Da er nachts so wenig schläft, genehmigt er sich auch mal eine Siesta in entspannter Haltung.


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Wenn Javier gerade weder arbeitet noch schläft, tritt man ihn meistens in der Küche an. Dort zaubert er dann kulinarische Raffinessen wie Kartoffelsuppe mit Reis und Nudeln, Reis mit Banane oder Nudeln mit Ei. Lecker!!

Was auch gekocht wird, Reis oder Nudeln sind immer mit dabei.

Stehen wir zur Abwechslung mal am Herd, sind wir uns seines wachsamen Auges stets bewusst. Fachmännisch kommentiert Javier dann die verwendeten Zutaten (“ajo!”, “zanahoria!”, “pan!”) und bringt uns mit seiner leicht kindischen Art zum Schmunzeln.


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Nachdem wir eine gute Woche allein auf der Farm gearbeitet haben, kamen nach und nach weitere Freiwillige dazu – am Ende waren wir zu fünft.

Cécile (30, aus Frankreich), Carl (26, aus Québec) und Nataly (24, von der Südküste Englands) brachten Leben in unseren Alltag im Nirgendwo. Andere Reisende und ihre Geschichte kennenzulernen bot reichlich Gesprächsstoff während unserer Freizeit. Auch über Themen wie Hobbies, Lebensweisen, Glück, Berufung und die Zeit nach der Farm redeten wir häufig.


Weitere Bewohner sind die Hündin “africa”, die bei den Hühnern angebunden die Wildkatzen fernhalten soll, sowie zwei rivalisierende Kater (einen davon haben wir wegen der Peterson-Analogie “Findus” genannt).


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Ursprünglich waren es drei Kater, doch als einer des Nachts in der Nursery mit Kratzspuren Verwüstung anrichtete, ging Eilif mit seinem Kleinkaliber auf Jagd…

Niemand zerstört Eilifs Pflanzen ohne Konsequenzen!


Was treibt ihr den ganzen Tag über?

Eilif oder die Hitze der Sonne wecken uns zwischen 6 und 7. Es gibt Frühstück, entweder Obst, Butterbrot oder Haferbrei. Spätestens halb 8 starten wir die Arbeit. Die Hühner müssen gefüttert, die Beete und Obstbäume gegossen werden – das gleiche nochmal am Nachmittag.

Neben der täglichen Routine werden uns diverse Konstruktionsaufgaben anvertraut. Unter der Wucht unserer Spitzhacken entstehen ein Abwasserkanal, eine stufenförmige Terasse und ein Kompostgraben.


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Unser größter Feind ist das “crab grass“, agressives und schwer zu beseitigendes Unkraut mit meterlangen Ablegern. Von diesem netten Gewächs reinigen wir unzählige Quadratmeter.

Gegen 10 wird es in der Sonne bereits unerträglich heiß. Zu dieser Zeit kehren wir zurück zum “Haus”, essen eine Kleinigkeit und haben viel Zeit zum Lesen und Quatschen. Nach dem Mittagessen um 12 und einer kurzen Siesta im Schatten gehen wir noch einmal anstehende Arbeiten an.


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Alle zwei Tage spazieren wir nach getaner Arbeit am Nachmittag hoch zu den “baños” und genießen das heiße Wasser. Oft bekommen wir dort Besuch von Leuten aus Corongo, die per Motorrad, Esel oder zu Fuß in 1,5 h anreisen.

Am Abend kochen wir meistens erneut, sitzen im Kerzenlicht und quatschen, lachen und tauschen Erinnerungen aus. Gegen 9 gehen wir spätestens ins Bett – Silvio schläft in seiner Hängematte und ich im Zelt.

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Zwei Tage die Woche haben wir frei und können Ausflüge in die umliegenden Täler oder Dörfer unternehmen. Manchmal nimmt uns Eilif auf seinem Pickup Truck mit nach Corongo.

Einmal fahren wir sieben Stunden hinten auf der Ladefläche mit nach Huaraz, um spezielle Einkäufe in der großen Stadt zu tätigen. Diese weite Tour unternimmt Eilif nur alle paar Monate.

Während wir hupend die über 30 einspurigen Tunnel im “cañón del pato” durchqueren, hören wir nostalgische 30er-Jahre-Musik und beobachten Meteroiden am tiefschwarzen Sternenhimmel.


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Und das wichtigste zum Schluss… Was gibt’s zu essen?

Unsere Küchenzeile besteht aus einem alten Gasherd mit zwei Kochplatten und einem verbogenen Holzbrett mit ein paar Küchengeräten.


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Die Töpfe sehen von außen so aus, als wären sie seit Jahren nicht gewaschen worden, von innen geht’s allerdings. Tatsächlich lässt sich der Schmutz außen nach den Jahren des Farmeinsatzes kaum noch entfernen.


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Abgewaschen wird mit dem Wasser aus dem Pool direkt neben der Küche, das auch zum Gießen verwendet wird und neben Essensresten und Erde auch reichlich tote Insekten enthält.

Zur Mittagszeit tummeln sich im Wohn- und Essbereich um die tausend Fliegen; die Luft ist von einem lauten Summen erfüllt.

Nach einiger Zeit haben wir uns daran gewöhnt und verscheuchen nur noch Insekten im Gesicht und auf dem Essen. Sollte man aus Hygienegründen auch wirklich machen!


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Das Trinkwasser lagern wir in großen Fässern, die Eilif regelmäßig in Corongo auffüllt. Sind alle Fässer leer, muss Kanalwasser abgekocht werden. Pech nur, wenn dann auch die Gasflasche aufgebraucht ist…

Hauptsächlich kochen wir mit Reis, Nudeln, Kartoffeln, Ei, Zwiebel und Knoblauch. Je nach Bestand verwenden wir außerdem Gemüse wie Möhren, Rote Bete, Kürbis und manchmal auch Tomaten.


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Kombiniert werden können diese Zutaten nur in begrenzter Anzahl und unsere Suche nach Abwandlungen war wenig erfolgreich. Deshalb wiederholen sich die Gerichte nach einiger Zeit.

Unsere Sensibilität für wirklich gutes Essen ist dadurch stark angestiegen – ebenso unsere Wertschätzung für das Besondere. Eine nützliche Minimalismus-Übung!


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Eine “Spezialität des Hauses” ist der rustikale Backsteinofen. Nach alter Manier wird die herunter gebrannte Holzkohle mit einem selbstgebauten “Besen” aus frischen Zweigen herausgekehrt, sobald sich die Innenwand weißlich färbt. Die richtige Temperatur ist nach etwa drei Stunden befeuern erreicht.


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Dann wird das Backgut mit einem Schieber (eigens von uns angefertigt) vorsichtig in den sauberen Ofen geschoben. Ist alles an Ort und Stelle, hält eine Holzplanke in der Öffnung die Hitze im Inneren.


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In diesem Ofen bereiten wir regelmäßig einen weiteren Pfeiler unserer Ernährung zu: Brot. Mit einem Durchgang verbacken wir gut und gerne 7 kg Mehl zu 8-10 Laiben. Die halten sich dann für eine Woche – dann wird neu gebacken

Fast ein Laib geht immer direkt nach dem Backen drauf, wenn sich alle auf frisches Brot mit schmelzender Butter stürzen. Hmmmm…

Ein wahrer Höhepunkt in unserer Ofenkarriere war allerdings das Pizzabacken gegen Ende unseres Aufenthaltes. Noch nie hat mir eine Pizza so gut geschmeckt wie an diesem Abend! (Das lag vielleicht auch an der Zubereitungsdauer von zwei Stunden…)


Also hat’s euch gefallen?

Unsere Zeit auf der Farm war in vielerlei Hinsicht eine positive Erfahrung. Die rohe Natur um uns herum – mit den gewaltigen Bergmassiven, den tiefen Flusstälern und der robusten Vegetation – hatte nach den anstrengenden Städten der letzten Wochen eine beinahe heilende Wirkung.


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Der Minimalismus im alltäglichen Leben hat für uns einiges relativiert. Enttäuschung – zumindest materielle – entsteht durch verhältnismäßig hohe Erwartungen und die sind in den meisten Fällen selbst gewählt.
Zufriedenheit im Leben ist also eine Entscheidung, die jeder für sich selber trifft.

Durch unseren relativ langen Aufenthalt konnte unser Geist das erste Mal auf der Reise zur Ruhe kommen, den Ort wirklich wahrnehmen und einfach ankommen. Ein Zustand, den man auf Reisen viel zu selten erreicht.

Andererseits bot diese bisher unbekannte Statik viel Zeit zum Grübeln und Reflektieren. Nach einigen Wochen kamen erste Anzeichen von Ungeduld auf und uns packte die Lust, endlich weiter zuziehen. Wieder unterwegs zu sein, mit all unserem Besitz auf dem Rücken.


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Diesen Schritt sind wir nun gegangen. Wir sind “back on the road”, könnte man sagen.

Über Chimbote und Trujillo haben wir den kleinen Surfort Huanchaco entdeckt und uns ein bisschen in das Dorf verliebt. Seit einigen Tagen sind wir jetzt hier und genießen das gute Essen, die meterhohen Pazifikwellen und die Gesellschaft so vieler entspannter Peruaner und anderer Reisender.


Was als nächstes kommt? Wir werden der Küste vorerst den Rücken zukehren und über Cajamarca und Chachapoyas durch die Anden nach Ecuador reisen. Wir sind mega gespannt, ein neues Land, eine neue Mentalität kennenzulernen.

Auch wenn uns wieder das Reisefieber gepackt und uns weg von Corongo gezogen hat – wir werden Eilif und seine Farm in sehr guter Erinnerung behalten.

Danke für die tolle Zeit!!



10 responses to “Studium kann warten: Wir werden Farmer! (Wie nichtstun zum Erfolg führt…)”

  1. Klingt richtig gut! Und toll geschrieben. Freu mich schon auch so etwas zu machen.
    Ich wünsch euch noch ganz viel Spaß und vielleicht sieht man sich ja noch bevor ihr Huanchaco verlässt 🙂

  2. Oma Gitte sagt:

    Hallo ihr beiden Weltenbummler,
    Gerade haben wir uns mal wieder eure Reisebeschreibung gelesen. Es ist toll was ihr so erlebt und euch auch erkämpft. Diese Erfahrungen kann euch keiner mehr streitig machen. Wir wünschen euch weiterhin viel Spaß beim Entdecken, passt auf die kleinen Krappeltierchen auf und sammelt weiterhin viel Neues.
    Seid herzlich gegrüßt Brigitte & Hans

  3. Manu Rößler sagt:

    Hi Jungs,
    schreibt weiter so schön! Es ist immer wieder schön von Euch zu “hören”. Beeindruckend ist, wie ihr die vielen Eindrücke und Gedanken in angenehm lesbare Texte verpackt. Klasse! Weiterhin gute Reise und wir freuen uns auf die nächsten Einträge!
    LG, Manu

    • Alwin Pianka sagt:

      Hey! 🙂
      Freut uns, dass ihr so viel Freude an den Artikeln findet. Wir investieren viel Zeit und reflektieren stark nach jeder Erfahrung, aber lernen dadurch jedes mal dazu.

      Gruesse nach Thueringen! 😉

  4. Klaus Scholbe sagt:

    Alwin , wir sind total begeistert von deiner umfangreichen und professionell geschilderten Abenteuerreise..Wir denken, diese Tour wird dich ganz entscheidend mitprägen und viel für deinen weiteren Lebensweg mitgeben.Es ist einfach umwerfend , diese Aufnahmen und die dazugehörigen Artikel zu sehen.Also weiter viel Spass und take care.
    Deine Großeltern aus Zierow

    • Alwin Pianka sagt:

      Hey ihr lieben,
      vielen Dank fuer eure liebe Rueckmeldung und das positive Feedback! Ich bin auch gespannt zu sehen, welchen Einfluss das ganze auf mich haben wird…

      Gruesse an die Ostsee!

      • Heidi Schroedter sagt:

        Alwin, ich bin begeistert über diese Berichte und die tolle Art, Natur, Gefühle, ERkenntnisse und Freude miteinander zu verbinden,einfach toll, dieser Junge.
        Es grüßt Heidi, deine ehemalige Kindergärtnerin, die stolz ist, so einen Weltenbummler zu kennen

  5. […] du noch, wie wir im letzten Artikel beiläufig diesen kleinen Strandort Huanchaco erwähnt haben? Nur ein paar Tage wollten wir dort […]

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