Mut zur Lücke: “WWOOFing in Vietnam” (Gastbeitrag von Matthias Lauer)

Mut zur Lücke: “WWOOFing in Vietnam” (Gastbeitrag von Matthias Lauer)

WWOOF (World-Wide Opportunities on Organic Farms) vermittelt Plätze für freiwillige Arbeit auf organischen Bauernhöfen auf der ganzen Welt. Meist erwartet einen der “rustikale” Alltag der Agrarwirtschaft. Man arbeitet für Verpflegung und Unterkunft, bezahlen muss man meist nur die Anfahrt. Es ist eine schöne Art, andere Menschen und andere Länder kennenzulernen, die regelmäßige Farmarbeit wirkt fast schon therapeutisch und meditativ.


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Meist bekommt man einen Eindruck, was es heißt, als Landwirt zu leben und zu arbeiten. Doch für mich hielt das wwoofen ein paar speziellere Erlebnisse bereit.


Es verschlug mich nach Vietnam zu v4d asia, eine Organisation die im Norden des Landes soziale und ökologische Arbeit leistet. Die Farmarbeit auf der Teefarm erlebte ich dabei nicht, stattdessen unterrichtete ich Englisch in der Stadt Ha Giang. Unter wwoofen versteht kaum jemand Englischunterricht, aber nach Vietnam wollte ich schon länger. Ich war vorher in Indien und auch in China gewesen und gespannt, ein weiteres Land im asiatischen Raum zu bereisen.


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Der Englischunterricht war… anders. Meine Rolle war eher die des Lehrerassistenten. Selten arbeitete ich mehr als vier Stunden täglich, aber schon zwei Stunden am Tag konnten sehr ermüden. Selbst wenn die Schüler mehr als zehn Jahre alt waren und mehr als zehn Minuten einigermaßen ruhig sein konnten, machte meist nur die Hälfte mit und es wurden etwa ein dutzend Selfies pro Unterrichtsstunde gemacht. Meine Autorität war quasi gar nicht vorhanden.


Aber faszinierenderweise konnte ich einen Lernfortschritt bei den Kindern feststellen. Hätte ich versucht, durch Strenge und gehobene Ansprüche die Kontrolle zu erlangen, hätten mich die Schüler auf jeden Fall noch weniger ernst genommen. Das lag sicher auch daran, dass ich aus einem fernen Land kam und anders aussah. Als der ausländische Lehrer, der den Schüler mit Autorität und Repression begegnet, hätte ich wohl nur noch mehr Widerstand bei den Schülern geweckt.


Also reagierte ich auf die Versuche der Schüler, mich zu ärgern, kaum, tadelte nicht und konzentrierte mich darauf, Grammatik und Aussprache so gut wie möglich zu vermitteln. Ich spürte Ärger, aber keine Abneigung gegen die Schüler. Der Lehrstoff und die Materialien selbst waren nicht von besonders guter Qualität und nicht jeder Schüler profitierte davon, aber nach meinen drei Wochen konnten einige Schüler fast akzentfrei sprechen und sogar selbstständig Sätze bilden.


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Ich war mir unsicher, wie ich mit dieser Erfahrung umgehen sollte. Viel hatte ich am Ende doch nicht bewirkt, aber was ich dann bewirkt hatte, war auf einem Weg geschehen, den ich im deutschen Schulwesen noch nie gesehen habe.


Das Ziel war gewesen, die Englischkenntnisse der Schüler zu verbessern. Das hatte ich irgendwie erreicht. Ich hatte gelernt, dass Zusammenarbeit ein Zusammenwirken von Arbeitsgruppe und Arbeitsziel verlangt, damit alle Elemente harmonisch auf dieses Ziel hinwirken. Die Schüler sahen, dass ich nicht geistige Arbeit verlangte, sondern anbot und dass ich nicht am Erreichen des Ziels, sondern am gemeinsamen Nutzen des Ziels interessiert war. Dieses Gefühl motivierte doch genug, um ein konstruktives Miteinander zu schaffen.


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Photos via pixabay.com (Header + 1 + 3) & Matthias Lauer (2 + 4)

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